Rezesionen für den Roman "Zu ebener Erde"

Nach "Gaukler" arbeitet Teichmann auch hier eine interessante Familiengeschichte auf. Gabriel, der Ich-Erzähler, und Ida sind die Kinder eines Schauspielers und einer Sängerin. Als die Kinder neun und elf sind, verlässt die Mutter die Familie und kehrt nicht zurück. Der Vater ist auf sein Schauspiel fixiert, die Kinder bleiben sich selbst überlassen. Sie finden eine enge, über eine klassische Geschwisterbindung, hinausgehende Beziehung zueinander. Sie machen gemeinsam ihre ersten sexuellen Erfahrungen und entfernen sich erst wieder voneinander, als Gabriel ein Sommerpraktikum absolvieren muss. Dass Ida in diesem Sommer (...)

Wieder besticht Teichmanns Roman durch die genauen Beobachtungen und die einfühlsamen Beschreibungen, die besonders Gabriel eine große Tiefe geben. Schwierige Themen werden ohne Wertung angesprochen und lassen dem Leser Raum. Überall empfohlen!

Mareike Liedmann / ekz.bibliotheksservice

Wenn der eigene Vater Idomeneo heißt, dann...

Ja, dann geht es drunter und drüber in Christine Teichmanns neuen Roman. Beginnend mit den Regieanweisungen für seinen eigenen Tod an seine Kinder besticht der alte, leider nie zu ganzer Größe aufgestiegene Provinzschauspieler. Alles ist dem „Alten“ Spiel, seine größte Leidenschaft fand er in den Shakespeare Rollen. Die er selten genug verkörpern durfte - doch der Richard III lag ihm auf der Zunge, den zitierte er ständig. Aber im Bühnenalltag blieben ihm halt die Nestroyrollen vorbehalten.

Wir begleiten die beiden Kinder des sagenhaften Mimen Idomeneo Parsenus, die ganz normal Ida und Gabriel heißen auf ihrem Weg durch die Kindheit, die Schulzeit, die Pubertät, die junge Liebe bis zur Entdeckung des großen Geheimnisses auf Seite 205. Nein, es wird in der Rezension nicht verraten, wobei der aufmerksame Leser, diese Entdeckung schon einiges früher erahnen wird.

Ein Künstlerehepaar, er der oben geschilderte Schauspieler, die Mutter eine Mezzosopranistin mit einigen vielversprechenden Auftritten. Dann kommen die beiden Schwangerschaften, viel später erfahren wir von einer Kollegin der Mutter, dass diese der Stimme geschadet hätten. Jedenfalls eines Tages sind die beiden Kinder mit dem Vater allein gelassen. Mutter ist weg. Wie herrlich für die Kinder! Niemand fragt nach Schularbeiten, Hausaufgaben, niemand fragt ob die Zähne geputzt sind, die Füße gewaschen. Das frühkindliche Paradies ist ausgebrochen! Bis halt nix mehr zum Anziehen ist, keine Wäsche gewaschen, der Kühlschrank leer und die Küche kalt bleibt. Haushälterinnen versuchen verzweifelt (und vergeblich) Ordnung in das Chaos zu bringen, den Kindern liebgewordene Gewohnheiten auszutreiben, kurz alles was von Menschen, die eine solche Aufgabe eben ernst nehmen, erwartet würde. Doch sind sie da an die Falschen geraten. Gabriel und Ida verstehen es, die immer schneller wechselnden Haushälterinnen „auflaufen“ zu lassen, sich durchzusetzen. Beziehungen entstehen, Schulbesuche, Schulfreunde wechseln, die Liebe zwischen den Geschwistern ist nicht mehr zu übersehen. Nur vom Vater wird sie nicht bemerkt, zusätzliche Aufgaben erhält er, darf im Landesstudio des Rundfunks Texte lesen, Gedichte vortragen. Dazu muss er früh aus dem Haus und die Kinder genießen die Ferienzeit in vollen Zügen. Ida sagt zu ihrem Bruder, ‚Wenn Vater schleicht, spielt er schleichen’ und so hören sie es, wenn er frühmorgens auf angeblich leisen Sohlen das Haus verlässt. Selten ist eine beginnende Liebe zwischen jungen Menschen so behutsam geschildert worden, wie die zwischen Ida und Gabriel. Und immer dazwischen die Frage, was ist mit unserer Mutter geworden? Eines Tages, Idomeneo erzählte immer häufiger von einem neuen Freund namens Karl, brachte diesen auch in die Wohnung mit und der stellte sich als der Ruhepunkt und der Helfer und Ratgeber für die Kinder heraus. Gerade zum rechten Zeitpunkt betritt dieser Neue die Situation. Die großen Ferien trennen die Geschwister, Gabriel muss sein Praktikum in einem Hotel absolvieren, Ida bleibt zu Hause und muss lernen. Sie begleitet Karl zur Kur in ein burgenländisches Dorf. Gabriel erlebt die Ausbeutung der Ferialpraktikanten auf seinem Arbeitsplatz, die Belästigungen und die so genannten Abwechslungen in der kargen Freizeit mit und durch die Arbeitskollegen – der ganz normale Alltag in den Fremdenverkehrsbetrieben. Ist es Selbsterlebtes der Autorin, ist es Nacherzähltes, egal die Schilderungen der Erlebnisse Gabriels sollten Hinweise sein, um die Personalsituation in der österreichischen Feriengastronomie zu überdenken und die Klagen über Personalmangel kritisch zu hinterfragen. Doch das ist nicht Thema des Buches. Die Geschwister vermissen sich und nach den Ferien ist nichts mehr so zwischen ihnen, wie es vorher war. Karl hat eine gewisse Führung im chaotischen Haushalt übernommen.

Es kommt, was kommen muss: Gabriel will endlich das Verschwinden der Mutter aufklären. Vater scheidet aus, bereits gestorben, sehr theatralisch und wirkungsvoll. Karl ist ein Fremder, der zwar gerade nach dem Tod des Idomeneo für geordnete Abläufe sorgt, die Hinterlassenschaft des Alten regeln hilft, einfach als Freund den Kindern zur Seite steht. Gabriel macht sich auf, Spuren seiner Mutter zu suchen: Ehemalige Kolleginnen, Regisseure mit denen sie gearbeitet hatte, alle bedauern, dass sie nach der Geburt des letzten Kindes nicht mehr auf die Bühne zurückgekehrt sei. „Sie war so eine herrliche Mezzosopranistin, aber was bleiben diesen für Rollen? Die Hosenrollen! Den Busen hinter Brustpanzern wie in den Wagneropern oder geschnürt und weggesperrt bei Mozart und Strauß. Und dann die Schwangerschaft...“ Nein von den Kolleginnen war nichts in Erfahrung zu bringen. Erst ein Schulkollege konnte Gabriel weiterhelfen, doch das sei hier nicht verraten.

Die Geschichte ist klar strukturiert, die Erzählstränge geordnet, es ist kein Vor- und Zurückblättern erforderlich, um den „Faden nicht zu verlieren“. Die Sprache ist teilweise sehr schön und niveauvoll, der Jugend der beiden Protagonisten angepasst ohne in die heute üblichen Messagesformeln zu verfallen. Eine Defloration wird so zartfühlend geschildert, dass man wünschen könnte, alle sollten dieses Ereignis so erleben können. Anderseits wird nicht mit Kraftausdrücken gespart, wenn der Vater Idomeneo bei „Dantons Tod“ mit ‚nacktem Arsch’ auftreten muss (und die Kinder das bei der Premiere auch erleben). Doch ist auch diese Wortwahl dem Geschehen angepasst. Ob der Hintern an dieser Stelle die gleiche Wirkung gehabt hätte, um die Abscheu der Kinder auszudrücken?

Christine Teichmann hat nach den „Gauklern“ und den „Raubtieren“ das Zirkusmilieu verlassen, sich dem Theater, den Pubertätsproblemen zugewandt, die Situation der Jungen in den ersten Berufsstationen sehr drastisch geschildert. Sie scheut sich nicht, auch die Frage der Geschwisterliebe, des Inzest aufzuzeigen. Ohne drohendem Zeigefinger, sondern einfach als eine Möglichkeit in einer unglaublichen Situation: Vater Schauspieler und Chaot, Mutter verschwunden, irgendwie Geborgenheit, Zutrauen, Liebe zu erfahren. Es geht keinesfalls darum, Steine zu werfen! Rettung aus den unmöglichsten Situationen bringt dann der späte Freund des Vaters, der geheimnisvolle Karl.

Machen Sie sich auf, Ida und Gabriel zu folgen, zu erleben, wie Idomeneo über die Provinzbühnen wirbelt. Bei allem Geschehen, es kommt auch der Humor nicht zu kurz!